Kein Fleisch zu essen, ist in der polnischen Familie meines Bald-Mannes keine private Entscheidung. Man wird öffentlich bei Familientreffen dazu befragt, wie im Übrigen auch zu Berufswahl, Kleidungsstil, Gewicht, Freizeitgestaltung und Familienplanung. Als ich vor ein paar Jahren wieder Vegetarierin wurde, gab es also wieder eine dieser Anhörungen. Nachdem ich meine Argumente vorgebracht hatte, wurde ernst genickt und grundsätzlich beschlossen, dass man das akzeptieren könne. Und dann wandte sich eine besorgte Tante an den armen Mann an meiner Seite und fragte: „Musst du dir dann dein Fleisch selbst kochen?“

Man weiß gar nicht, wo man anfangen soll, so viel stimmt mit dieser Frage nicht.

Ich gehöre ja irgendwie auch zu den Menschen, die alles richtig machen wollen. Sich gesund ernähren, niemanden ausgrenzen, weder wegen Hautfarbe, noch wegen Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung oder Musikgeschmack (obwohl – am ehesten noch deswegen), Bio und Fairtrade- Sachen kaufen, nichts wegschmeißen, hart arbeiten. Es gibt wenige Dinge, die mir noch egal sein können, vielleicht noch Wirtschaft, obwohl ich diese Aussage auch widerrufen müsste, würde ich genauer drüber nachdenken.

Alles richtig machen WOLLEN, heißt übrigens noch lange nicht, dass man es auch tut. Was aber immer geht, ist sich aufregen. Sich aufregen ist das Aufputschmittel der Weltverbesserer und -verbessererinnen (klingt scheiße, aber siehe oben, ausgrenzen und so). Ich rege mich gern und viel auf, besonders wenn Menschen Dinge sagen oder tun, die mich daran erinnern, dass nicht alles so gut ist, wie ich es mit meinen paar Fairtrade-Einkäufen zu machen geglaubt habe.

Heute im Bus wurde mir z.B. wieder eine wunderbare Aufregvorlage geliefert. Hinter mir saßen ein Mann und eine Frau, offensichtlich kannten sie sich von der Uni. Achtung, jetzt kommt Englisch (sie sprachen Englisch und meine Gedanken dazu stehen jeweils auch auf Englisch in eckigen Klammern dahinter):

She: „Do you have any gay friends?“ [What kind of question is that? Is she afraid of gay people? IS she gay and wants to know whether he is okay with it?]
He: „I don’t know, maybe. There is one that I know of, maybe more. I didn’t ask them.“
She: „I think X in our class is gay.“
He: „Oh yeah, he’s definitely gay. I like gays, though. They are funny. X is also very funny. And very gay.“ [Yeah, stereotypes! All gays are funny. Like all black people ‚got rhythm‘. And like all jewish people have big noses. And how the hell can you be VERY gay?!]
She:“And lesbians? Do you think there are any lesbians in our class?“
He:“What about this German girl… what’s her name?“
She: „I don’t know but I think I know who you mean. She dresses like a man.“ [Hello stereotypes again. At this point of the conversation I wouldn’t have been too surprised to hear something like: „No way SHE is a lesbian! But she is pretty!“]
He: „I think she IS a man. A transvestite.“ [And there you go. From cheerful stereotypes about funny gays to hateful remarks about how (allegedly) lesbian women look like in under 5 minutes. What is wrong with the world?]

Warum hab ich das erzählt? Weil ich mir sicher bin, dass sie es ’nicht so meinten‘, aber nicht besser wussten. Oder dachten, unter uns ist es ja egal, was wir sagen. Was nichts daran ändert, dass hier Einiges nicht stimmt. ich habe es aber auch erzählt, weil ich mir automatisch den beiden gegenüber so überlegen vorkam und weil ich mir den zusätzlichen metareflexiven Kick gebe, an meiner Überlegenheit zu zweifeln. Wer sich aufregt, hat ja immer erstmal recht. Bis er/sie es besser machen muss.

Normalerweise habe ich keine Pflanze dabei, wenn ich abends weggehe. Aber gestern schon. Eine winzig kleine Pflanze in einem hübschen Topf, die noch nichts hat außer ein paar zögerlichen Blättchen. Sie stand im Treppenhaus auf einer Party und darunter hing ein Schild „Ableger zum Mitnehmen“. Also habe ich sie mitgenommen.

Ich habe zuhause keine Pflanzen. Pflanzen leben bei mir nicht lang und schon gar nicht gut. Sie werden von Katzen angefressen und ausgescharrt (in einigen Fällen sogar: als Katzenklo benutzt), sie verdorren oder verschimmeln. Ich dachte einmal, vielleicht lebt die Pflanze länger, wenn ich ihr einen Namen gebe. Das Zitronenbäumchen namens Florian wurde von einem Pilz befallen und starb einen schimmligen Tod.

In meinem Zimmer stehen zwei wunderschöne Stoffblumen, damit es wenigstens so aussieht, als könne dort irgendwas gedeihen. Um zu verdeutlichen, wie wenig ich eigentlich mit Pflanzen anfangen kann: Ich habe mich eines Tages dabei ertappt, wie ich mich wunderte, dass die Stoffblumen immer noch so gut aussehen, obwohl sie gar kein Wasser mehr haben.

Aber jetzt habe ich dieses Pflänzchen. Wir haben eine besondere Bindung, denn wir waren gestern abend schon einen zusammen trinken. Ich stellte den Topf in der Kneipe auf den Tisch und plötzlich wollten alle mal anfassen. Ich wurde aufgefordert, der Pflanze einen Namen zu geben und sie mit Bier zu taufen. Als ich mit der Pflanze an der Bar stand, wurde ich gefragt, ob ich noch ein bisschen Wasser dazu haben will. Als ich mit der Pflanze draußen rauchen war, fragte mich jemand, ob ich was mit Guerilla Gardening zu tun habe. Ich verstehe jetzt, warum Leute zum Weggehen ihre Tiere mitnehmen. Man wird immer angesprochen und hat immer was zum Erzählen. Ich war gestern die Frau mit der Pflanze. Vielleicht mach ich das ab sofort immer so.

Anscheinend bin ich inzwischen in dem Alter, in dem man seine Freunde nicht mehr aus den Augen lassen darf, weil sie sofort komische Sachen machen. Z.B. Heiraten. Oder Kinder kriegen. Berufe und Chancen ergreifen. Häuser bauen. Karriere machen. Ich finde das nach wie vor unfassbar beängstigend, aber ich möchte mich davon nicht ganz ausnehmen. Wenn mich jemand anrufen würde, den ich seit ein paar Monaten nicht gesehen habe, könnte ich auch nicht guten Gewissens sagen: „Och, eigentlich ist nicht viel passiert.“ (Nur die Nummer mit dem Heiraten und Kinder kriegen – ich weiß nicht…)

Ich ordne diese Dinge ein unter „Sich aufs eigene Leben einlassen“. Früher war alles nicht so wichtig, da war das Leben vorläufig. Ich habe bis vor ein paar Jahren alles ERST MAL gemacht. Ich studiere jetzt erst mal. Ich mach jetzt erst mal meinen Abschluss. Ich zieh jetzt erst mal in diese WG. Ich bin jetzt erst mal mit dem und dem zusammen. So wie Ingeborg Bachmann es in der Erzählung Das Dreißigste Jahr beschreibt: „Bei jeder Gelegenheit hatte er ja gesagt zu einer Freundschaft, zu einer Liebe, zu einem Ansinnen, und all dies immer auf Probe, auf Abruf. Die Welt schien ihm kündbar, er selbst sich kündbar.“

Aber es gab einen Punkt, ab dem ich das Gefühl hatte: Jetzt gilt es. Das ist es jetzt. Es war leider kein denkwürdiges Datum wie z.B. ganz klischeemäßig mein 30. Geburtstag, und es war auch nicht der Tag, an dem ich mein Abschlusszeugnis in der Hand hielt oder der Tag, an dem ich in eine neue Stadt zog um dort zu arbeiten. Es war einfach irgendein Tag. Aber seitdem ist das, was ich mache, nicht mehr vorläufig, sondern genau so gemeint. Das führt dazu, das man Freunden, die man lange nicht sieht, plötzlich sehr sehr viel zu erzählen hat.

Letzte Woche stand ich in einer riesigen Röntgenmaschine. Der Raum war dunkel und da waren nur ich und dieses riesige Gerät. Eine Wand mit komischen Auswüchsen, aus denen vielleicht unvermutet Strahlen ausbrechen und Ecken, hinter denen vielleicht irgendwelche Krankheiten hervorspringen könnten. Es war zehn Uhr morgens, ich hatte noch nichts gegessen, dafür aber eine Zigarette zur Beruhigung geraucht, was ich sonst morgens nicht tue.

Dann kam eine Frau in den Raum, zog mir eine schwere Schürze an, stellte mich mit dem Gesicht an die Wand und sagte mir, ich solle den Mund aufmachen und Kinn und Nase an die Wand drücken. Dämlicher kann man nicht aussehen, dachte ich mir. Wie eine Bauernmagd aus Brandenburg, die sich an der Schaufensterscheibe des KadeWe die Nase plattdrückt. Und das alles, damit man mir in den Kopf gucken und danach vielleicht sowas sagen kann wie „Oh, das sieht aber gar nicht gut aus.“ Ich fand das ganz furchtbar.

Die Frau drückte meinen Kopf noch mal fest an die Wand. Und dann strich sie mit beiden Händen mehrfach über meinen Kopf und meine Haare. Vielleicht wollte sie nur sicher gehen, dass ich ruhig stehe und sie die Maschine anschmeißen kann. Aber in diesem Moment hatte das etwas sehr Beruhigendes, fast Mütterliches. Ich weiß nicht, warum sie das getan hat, ich habe sie nicht gefragt. Aber ich musste danach keine Beruhigungszigarette rauchen.

Da, wo ich herkomme – manche nennen es Ostdeutschland, manche Mitteldeutschland, für den Süden ist es schon der Norden und ich selbst sage meistens euphemistisch „Großraum Berlin“ – macht man sich keine großen Umstände. Wenn man sich trifft, sagt man „Hallo“ oder auch „Tach“ oder „Na?“ Was man nicht so gerne tut, ist sich dabei irgendwie anzufassen oder sich gar, Gott bewahre, abzuküssen. Es gibt eine überschaubare Gruppe von Menschen, die das Recht darauf haben, bei der Begrüßung und Verabschiedung angefasst oder gar geküsst zu werden und man legt Wert darauf, dass diese Gruppe überschaubar bleibt.

Jahrelang bin ich mit einem hingerotzten „Na?“ und ein paar sporadischen Umarmungen für extrem gute Freunde durch Begrüßungen und Verabschiedungen gekommen. Und dann kam ich ins Saarland.

Als ich das erste Mal einen Arbeitskollegen auf der Straße traf, geschah etwas, das mein Leben für immer verändern sollte: Er hielt mir zur Begrüßung die Hand hin, ich dachte: „Das ist gut, das ist solide, damit kann ich arbeiten. Etwas formell vielleicht, aber was solls.“ Ich gab ihm die Hand und war fest davon überzeugt, dass wir uns jetzt die Hände schütteln würden. Aber plötzlich beugte er sich vor und legte seine Wange an meine. Und dann noch mal auf der anderen Seite. Damit hatte ich nicht gerechnet. Für mich war das ungefähr so als ginge ich im Hosenanzug zu einem Vorstellungsgespräch und mitten im Gespräch zögen sich alle aus und säßen dann in bunten Badehosen und Bikinis da und schlürften Cocktails.

Diese komische Art der Begrüßung heißt laut Knigge Akkolade (lat. „Umhalsen“) und ist ein „ein weiterer Kulturimport aus mediterranen Gefilden […], neben Latte Macchiato oder Paella“. Dass das Küsschen sein sollten, habe ich erst verstanden, als der Kollege schon um die Ecke war. Und da fiel mir die französische Austauschstudentin ein, die ich vor ein paar Jahren mal in Wales auf einer Party getroffen habe. Wir kannten uns nicht, aber als wir uns vorgestellt wurden, griff sie beherzt nach meiner Schulter und küsste mich flink links, rechts, links. Ich muss ziemlich dumm geguckt haben, denn sie sagte entschuldigend: „I’m French. We kiss.“ Und ich, Gefangene meines Unbehagens, erwiderte steif: „I’m German. We don’t.“ Was offensichtlich nicht stimmt, wie ich jetzt weiß.

In einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, sagte einmal ein Komiker: „Wenn man keine Ahnung hat … einfach mal die Fresse halten.“ Dieser weise Ausspruch wurde viel zitiert, aber leider wenig befolgt. Ich bin da keine Ausnahme.

Mir scheint, dass das Fressehalten generell eine Eigenschaft ist, die selten als das erkannt wird, was sie ist – nämlich eine Tugend. Ich kenne wenige Menschen, die das können und ausdauernd betreiben und ich liebe sie sehr dafür. Stundenlang können sie auf einer Party neben einem sitzen und die mit zunehmendem Pegel immer hitziger werdende Debatte belauschen. Ihre Augen flitzen hin und her als würden sie ein Pingpong-Spiel verfolgen. Aber sie sagen nichts. Erst nach Stunden, wenn alle leergequatscht sind und sie alle Argumente reiflich abgewogen haben, äußern sie sich. Dann weiß meistens keiner mehr, wovon sie reden. Nur ich habe auf den Satz des Abends gewartet und applaudiere.

In den Filmen von Kevin Smith gibt es eine Figur namens Silent Bob. Das ist auch so einer, der ein wahrer Meister im Fressehalten ist. Er kann das so gut, dass man meinen könnte, er kann gar nicht sprechen. In Clerks z.B. sagt er nur einen einzigen Satz: „You know, there’s a million fine looking women in the world, dude. But they don’t all bring you lasagna at work. Most of ‚em just cheat on you.“ Das wars. Applaus.

Ich mag die Silent Bobs dieser Welt, die nicht so viel reden, weil sie das, was sie zu sagen hätten, in den meisten Fällen zu unwichtig finden, um es tatsächlich zu sagen. Ich mag sie, weil sie das Gegenteil zu mir sind. Wie man an diesem Blog sieht, finde ich fast alles, was mir so durch den Kopf geht, besprechens- oder sogar beschreibenswert. Aber heute war so ein Tag, an dem ich bestimmt zehn Mal dazu angesetzt habe, irgendetwas von mir zu geben nur um des Mitteilens willen und dann an die Silent Bobs und das Fressehalten dachte und es bleiben gelassen habe.

Bis jetzt.